Das war unser dwif-Impuls: CAMPINGBOOM ODER NEUE NORMALITÄT?
Übernachtungen auf Rekordniveau, deutlich mehr Reisemobile auf den Straßen – doch ist das noch ein Boom oder längst Normalität? Im dwif-Impuls „Campingboom oder neue Normalität? Was Destinationen jetzt wissen müssen“ diskutierten Heiko Rainer und Tessa Kemmerling mit Uwe Frers (PiNCAMP), Dirk Weißbach (Landestourismusverband Sachsen) und Thomas Nitsch (CIVD), was die Marktentwicklung für Destinationen bedeutet. Schnell wurde deutlich:
Camping ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und damit eine feste Größe im Beherbergungsmarkt.

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Rekordnachfrage, wachsende Marktanteile, großes Potenzial
Vom Zelt über den Campervan bis zum Glamping: Camping ist vielfältig – mit jeweils eigenen Ansprüchen an Platz, Ausstattung und Service. 2025 wurden auf deutschen Campingplätzen über 44,7 Mio. Übernachtungen gezählt – so viele wie nie und rund 25 % mehr als 2019. Gleichzeitig zählte die amtliche Statistik über 3.150 Campingbetriebe mit gut 240.000 Stellplätzen und rund 150 Betriebe mehr als vor der Pandemie, während das gesamte Beherbergungsangebot seit 2019 um 8 % zurückging.
Hinzu kommt ein großer grauer Markt – allein park4night zählt rund 390.000 Campingangebote. Dazu zählen Parkplätze, Mikrocamping auf Höfen, Weingütern oder privaten Grundstücken. Dieser Rekord ist kein Effekt, den wir in einzelnen Regionen sehen. Nach dem Einbruch im ersten Corona-Jahr 2020 ist die Nachfrage fast überall kräftig gestiegen und hat 2025 erneut einen Höchststand erreicht.
Auffällig ist, dass nicht nur die klassischen Campingländer an Nord- und Ostsee zulegen. Auch Regionen, die bisher eher nicht als Campingziel gegolten haben, wachsen teilweise sehr dynamisch. Das zeigt: Camping ist in der Breite angekommen. Und davon können auch Destinationen profitieren, die bisher noch wenig Campingangebot haben.
Wirtschaftlich ist Camping somit längst kein Nischensegment mehr: Nach dem dwif-Wirtschaftsfaktor im Camping- und Reisemobilmarkt erzielte das Segment 2025 fast 23 Mrd. Euro Umsatz, knapp 8 Mrd. Euro davon kommen direkt in den Urlaubsregionen an, etwa in Gastronomie, Handel und Freizeitwirtschaft. Und das Potenzial ist groß: In unserer bundesweiten Befragung im Rahmen der Sachsen-Studie 2025/2026 konnten sich 53 % vorstellen, in den nächsten fünf Jahren in Deutschland zu campen. Gleichzeitig haben knapp 63 % der Deutschen noch nie gecampt.
Neue Normalität – auf sehr hohem Niveau
Der nach Corona erwartete Rückgang ist ausgeblieben. Uwe Frers verwies auf 6 Mio. Camper*innen bei PiNCAMP im vergangenen Jahr und auf einen neuen Suchfaktor: Neben Reiseziel und Platz entscheidet heute die Verfügbarkeit. Thomas Nitsch vom CIVD sieht den Fahrzeugmarkt mit jährlich rund 95.000 neu zugelassenen Freizeitfahrzeugen stabil auf einem Niveau, das sich gegenüber dem Stand vor acht bis zehn Jahren verdoppelt hat. Dirk Weißbach bestätigte, dass die ganz große Dynamik nachlässt, sieht für Sachsen aber noch deutlich Luft nach oben, vor allem bei der Auslastung vorhandener Kapazitäten.
Ganzjahresgeschäft, Qualität und digitale Sichtbarkeit
Die PiNCAMP-Daten zeigen: Camping ist kein reines Sommerphänomen mehr – das stärkste Wachstum zeigt sich in der Nebensaison, im Frühjahr, Herbst und zunehmend im Winter. Und der Klimawandel macht Mittel- und Nordeuropa attraktiver: Deutschland, die Niederlande und Skandinavien wachsen am stärksten.
„Qualität ist dabei ein zentraler Treiber: Sie ist der meistgenutzte Filter bei PiNCAMP.“
Uwe Frers, PiNCAMP GmbH
Uwe Frers empfahl, Erlebnisse statt Übernachtungsformen in den Vordergrund zu stellen und konsequent auf digitale Sichtbarkeit zu setzen: Camping- und Stellplätze müssen online buchbar sein, auf der eigenen Website ebenso wie auf Plattformen. Thomas Nitsch ergänzte den Blick auf die Technik: Fahrzeuge werden elektrifiziert und digitalisiert, künftige Strombedarfe gehören in jede Stellplatzplanung.
Was eine erfolgreiche Campingregion ausmacht
Für Dirk Weißbach beginnt die Rolle von Landesverband und DMO bei Sensibilisierung und Vernetzung: das Thema sichtbar machen und Akteur*innen zusammenbringen. In Sachsen passt Camping ideal zum Masterplan Tourismus und dessen Fokus auf Ganzjahrestourismus. Mit rund 1 Mio. gewerblichen Campingübernachtungen (ca. 5 %) und eher kleinen Plätzen (Ø rund 60 statt 76 Stellplätze) sieht er Chancen in familiären Nischenangeboten, am Wasser und in den Mittelgebirgen.
„Nicht bloß wachsen um jeden Preis, sondern tatsächlich auch Qualität entwickeln.“
Dirk Weißbach, Landestourismusverband Sachsen e. V.
Thomas Nitsch plädierte für ein abgestimmtes „Mikronetz“: Leuchtturmbetriebe, Standard- und Premiumplätze sowie einfache Transitstellplätze, die sich ergänzen statt konkurrieren. Idealerweise im Rahmen eines gemeinsamen Tourismuskonzepts. Destinationen sollten gezielt nach weißen Flecken auf der Stellplatz- und Campingkarte suchen.
Chancen und Risiken
Als Risiko gilt – aufgrund von bürokratischen Hürden - vor allem die langwierige Schaffung neuer Kapazitäten: Bis zum einfachen Stellplatz vergehen oft zwei bis drei Jahre. Uwe Frers warnte zudem vor falschen Erwartungen: Der einsame Van auf der Klippe ist nicht die Realität. Dirk Weißbach sieht in der Besucherlenkung – gerade im grauen Markt – und in der Akzeptanz der Einheimischen die größte Herausforderung. Zugleich verändere Camping die klassische Destinationslogik: Statt „Unterkunft plus Aktivität“ denken Campinggäste in Routen und Erlebnissen, die digital begleitet werden wollen.
„Die Zeit, in der man mit einer sauren Wiese einen Stellplatz macht und Geld verdient, ist vorbei.“
Thomas Nitsch, Caravaning Industrie Verband e. V.
Das Fazit: Camping ist gekommen, um zu bleiben
Der dwif-Impuls zeigte: Der Boom ist in eine neue Normalität auf hohem Niveau übergegangen – mit noch viel ungenutztem Potenzial. Entscheidend für Destinationen sind Verfügbarkeit und Sichtbarkeit, Qualität und eine klare Positionierung über Erlebnisse. Wer Camping- und Stellplätze als abgestimmtes Netz entlang von Routen denkt und die Menschen vor Ort mitnimmt, lässt viele Akteur*innen in der Region an der Wertschöpfung teilhaben.
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